Clean Construction: Eine Erfolgsgeschichte in Stuttgart

Hintergrund
Die Greenpeace-Gruppe Stuttgart arbeitet seit 1997 zum Thema "Umweltschutz am Bau". Bei Recherchen auf Baustellen spüren die ehrenamtlichen Umweltschützer umweltschädliche Baustoffe wie halogenierte Kohlenwasserstoffe (FCKW und FKW) oder den Kunststoff Polyvinylchlorid (PVC) auf. Mit Aktionen machen sie die Öffentlichkeit darauf aufmerksam und in Gesprächen mit den Bauherren drängen sie auf umweltfreundliche Ersatzstoffe. Nachfolgend sind die wichtigsten Ereignisse und Erfolge der Stuttgarter Greenpeacer zusammengestellt. Als PDF-Datei (94 kB) können Sie sich die Chronik auch herunterladen.
Januar 1998

Wohnungsbaugesellschaften verbauen Umweltkiller. Im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt findet Greenpeace Dämmstoffe, die mit ozon- und klimaschädlichen H-FCKW geschäumt sind. Es handelt sich um Baustellen der Landesentwicklungsgesellschaft Baden-Württemberg (LEG) und der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG). Ergebnis: Nach einer Aktion und Presseberichten tauschen beide Bauherren die noch nicht verbauten Dämmplatten gegen umweltfreundliche Dämmstoffe aus. mehr...


März 1998

Klima- und Ozonkiller beim Schwäbischen Turnerbund. Nur zwei Monate später findet Greenpeace erneut auf einer Großbaustelle in Stuttgart-Bad Cannstatter umweltschädliche Dämmplatten. Die Presse berichtet erneut. Ergebnis: Die Dämmplatten werden durch Dämmstoffe ersetzt, die mit umweltfreundlichen Naturgasen geschäumt sind. mehr...

 

H-FCKW-Dämmplatten
© von Herrmann


April 1998

Infostand am "Earth Day". Am internationalen "Earth Day" beteiligt sich die Greenpeace-Gruppe Stuttgart mit einem Infostand zum Thema "Clean Construction - Bauen für die Zukunft". In einer Presseerklärung werden Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster und Baubürgermeister Matthias Hahn aufgefordert, bei städtischen Bauten auf FCKW, FKW und PVC zu verzichten. mehr...


Oktober 1998

Grundschule Stuttgart-Sillenbuch mit Klima- und Ozonkillern gedämmt. Bei Baustellen-Recherchen im Stuttgarter Stadtteil Sillenbuch stößt ein Greenpeace-Mitarbeiter erneut auf H-FCKW-geschäumte umweltschädliche Dämmstoffe. Der Bauherr ist diesmal das Stuttgarter Hochbauamt. Ergebnis: Nachdem Greenpeace das Amt auf die Entdeckungen hingewiesen hat, beschließt das Hochbauamt kurzerhand, amtsinternen komplett auf alle Varianten der FCKW und FKW (FCKW, H-FCKW, FKW und H-FKW) zu verzichten. mehr...


November 1998

Greenpeace erfreut: LEG vermeidet Umweltkiller. Der Fund von umweltschädlichen Dämmplatten auf der Bad Cannstatter Baustelle im Januar 1998 hatte Gespräche zwischen der Landesentwicklungsgesellschaft Baden-Württemberg (LEG) und Greenpeace zur Folge. Ergebnis: Die LEG verzichtet auf alle Varianten der FCKW und FKW sowie auf PVC in den Bereichen Kabel, Rohre und Fenster. Außerdem darf nur noch Holz aus ökologischer Waldwirtschaft verbaut werden. mehr...


April 1999

Stadtbahnhaltestelle mit Klima- und Ozonkillern gebaut. Recherchen ergeben, dass an der neuen Stadtbahn-Haltestelle "Silberwald" (U7) H-FCKW-geschäumte Dämmstoffe verbaut werden. Bauherr ist das Stuttgarter Tiefbauamt. Das Amt verstößt damit gegen die Verpflichtungen des internationalen Klimabündnisses, dem Stuttgart bereits 1995 beigetreten ist. Stuttgart hat sich dabei verpflichtet, zum Schutz des weltweiten Klimas u.a. auf H-FCKW völlig zu verzichten. mehr...


Mai 1999

H-FCKW-Fund im Alten Schloss. Bei Recherchen auf einer Baustelle am Alten Schloss finden Greenpeacer klima- und ozonschädliche Dämmplatten. Diesmal handelt es sich um eine Baustelle des Landes Baden-Württemberg, Bauherr ist das Staatliche Hochbauamt Stuttgart. Da das Land jedoch seit 1996 auf H-FCKW in Bauschäumen verzichtet, handelt es sich hier um einen Verstoß gegen diesen Verzicht. Greenpeace-Mitarbeiter kleben in Anwesenheit der Presse rote Umwelt-Teufel auf die Dämmstoff-Pakete. Ergebnis: Das Staatliche Hochbauamt lässt danach sowohl die schon verbauten Dämmplatten (150 m²) als auch die noch nicht verbauten entfernen. Statt dessen werden umweltfreundlich geschäumte Dämmstoffe eingesetzt. mehr...

 

Baustelle am Alten Schloss
© von Herrmann


Juli 1999

Grundschulen Burgholzhof und Riedenberg mit Umweltkillern gebaut. Greenpeace-Recherchen ergeben, dass in den neu gebauten Grundschulen auf dem Burgholzhof und im Stadtteil Riedenberg die Umweltkiller PVC, FCKW und FKW verbaut sind. Bauherr ist jeweils das Stuttgarter Hochbauamt. Zum Thema FCKW/FKW gibt das Amt bekannt, dass die Bauarbeiten noch vor dem amtsinternen Totalverzicht auf FCKW und FKW vom Oktober 1998 ausgeschrieben wurden. mehr...


August 1999

Klima- und Ozonkiller in Wolfschlugen. Greenpeace-Mitarbeiter stoßen in Wolfschlugen auf große Mengen H-FCKW-geschäumter Dämmplatten. Wolfschlugen ist, wie Stuttgart auch, Mitglied im Klimabündnis. In Anwesenheit der Presse konfrontiert Greenpeace den Wolfschlugener Bürgermeister mit den Recherche-Ergebnissen. Ergebnis: Dieser beschließt sofort, dass die umweltschädlichen Dämmplatten ausgetauscht werden müssen und statt dessen umweltfreundliche eingebaut werden sollen. mehr...

 

Gespräch mit Bürgermeister
© Mielert


Stuttgarter Tiefbauamt verbaut H-FCKW und PVC. Auch auf der Stadtbahn-Baustelle (U7) des Stuttgarter Tiefbauamtes im Stadtteil Sillenbuch findet Greenpeace im August H-FCKW-geschäumte Dämmstoffe. Außerdem werden PVC-Rohre verbaut, obwohl parallel dazu PVC-freie Alternativen eingesetzt werden. mehr...


September 1999

Erfolg: Finanzamt Ludwigsburg ohne Umweltkiller gebaut. Das Staatliche Hochbauamt Ludwigsburg erstellt einen Neubau für das Finanzamt in Ludwigsburg. Bei Recherchen auf dieser Baustelle entdecken Greenpeacer H-FCKW-geschäumte Dämmplatten, teilweise schon verbaut. Ergebnis: Ein kurzer Briefwechsel mit dem Staatlichen Hochbauamt und der Verweis auf die Sachlage vom Mai 1999 (Altes Schloss) ergibt, dass die noch nicht verbauten Dämmplatten sofort gegen Alternativen ausgetauscht werden. mehr...


Dezember 1999

Klima- und Ozonkiller am Bosch-Areal. Auf dem Bosch-Areal hinter der Stuttgarter Liederhalle entsteht ein neues Einkaufszentrum. Greenpeace-Recherchen ergeben, dass zur Wärmedämmung große Mengen klima- und ozonschädlicher Dämmplatten eingesetzt werden sollen. Einige Tage später ist ein Großteil der Platten sogar schon verbaut. Ein Schreiben an den Bauherren bleibt erfolglos, daher führt Greenpeace eine Aktion vor Ort durch: "Stoppt Umweltkiller am Bau" und ein großer roter Umweltteufel sind auf einem Banner zu sehen, Greenpeace-Mitarbeiter bekleben außerdem die Dämmplatten mit Umweltteufel-Aufklebern. Ergebnis: Zwei Tage später kommt es zu einem Gespräch zwischen den Verantwortlichen und Greenpeace. Dabei gibt der Projektleiter bekannt, dass alle schon verbauten umweltschädlichen Dämmplatten (400 m²) wieder herausgerissen werden sollen und statt dessen umweltfreundlichere Dämmstoffe eingesetzt werden. mehr...

 

Aktion am Bosch-Areal
© U. Trucksäß


März 2000

Mitarbeiterschulung beim Tiefbauamt. Das Stuttgarter Tiefbauamt bittet Greenpeace um eine Mitarbeiterschulung zu den Themen PVC und FCKW/FKW. Zwei Ehrenamtliche der Stuttgarter Greenpeace-Gruppe klären daraufhin in einem zweistündigen Seminar 40 Angestellte des Tiefbauamtes über Umweltschutz am Bau auf. Sie zeigen anhand von praktischen Beispielen und Baustoffproben die Vorteile von Alternativen zu den umweltschädlichen Baustoffen FCKW, FKW und PVC.


Mai 2000

Schneller Erfolg am Friedrich-Carré. Auf dem Gelände des Friedrich-Carrés an der Friedrich-Straße in der Stuttgarter Innenstadt entsteht unter der Leitung des Konzerns HochTief ein neues Bürohochhaus. Ein Mitarbeiter der Greenpeace-Gruppe Stuttgart entdeckt klima- und ozonschädliche Dämmstoffe auf der Baustelle. Ergebnis: HochTief antwortet auf ein Anschreiben von Greenpeace eine Woche später, dass die H-FCKW-geschäumten Baustoffe gegen ozon- und klimafreundliche Dämmplatten ausgetauscht werden. mehr...


Vorstellung des Projektes "Clean Construction". Greenpeace stellt auf Einladung des Umweltamtes hin das Projekt "Clean Construction" vor dem "Beirat für Umweltschutz" des Stuttgarter Gemeinderates vor. In diesem Gremium sitzen sowohl Gemeinderäte als auch Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft sowie Vertreter einzelner Umweltorganisationen. Ergebnis: Aufgrund dieser Vorstellung und der anschließenden Diskussion um PVC, FCKW und FKW beschäftigt sich der Gemeinderat der Stadt Stuttgart nun auch mit der Problematik.


Oktober 2000

PVC-Kabel in chirurgischer Klinik Bad Cannstatt verbaut. In Stuttgart-Bad Cannstatt baut das Stuttgarter Hochbauamt eine neue chirurgische Klinik mit 130 Betten. Greenpeace-Recherchen ergeben, dass zum größten Teil Kabel aus PVC verwendet werden, nur sehr geringe Mengen PVC-freier Kabel sind parallel dazu verlegt. Dieser Zustand zeigt deutlich, dass PVC-freie Kabel genauso gut verwendbar sind wie die umweltschädlichen PVC-Kabel. Ergebnis: Die Veröffentlichung dieser Recherche im Internet belebt die Debatte um PVC-Alternativen neu. mehr...


Positiv: Musikhochschule mit Schaumglas gedämmt. Das Staatliche Hochbauamt Stuttgart erstellt den Erweiterungsbau der Musikhochschule Stuttgart. Wie Greenpeace-Mitarbeiter entdeckten, wird für den gesamten Bau geschäumtes Glas als Dämmstoff eingesetzt. Dabei handelt es sich um eine umweltfreundliche Alternative zu den ozon- und klimaschädlichen Dämmstoffen. Greenpeace begrüßt den Einsatz dieser Alternative als einen Beitrag zur Erhaltung der Ozonschicht und zum Klimaschutz. mehr...  

Musikhochschule Stuttgart, davor Schaumglas
© von Herrmann


November 2000

Umweltausschuss des Stuttgarter Gemeinderates tagt zu PVC und FCKW. Mitglieder der Greenpeace-Gruppe Stuttgart hatten im Sommer und Herbst 2000 mit allen Parteien, die im Umweltausschuss vertreten sind, Gespräche geführt. Inhalt war, wie die Stadt Stuttgart auf die Umweltkiller PVC, FCKW und FKW bei städtischen Bauten verzichten kann. Ende November beschäftigt sich dann der Umweltausschuss mit dem Thema und spricht sich in der Debatte für den Einsatz von Alternativen zu PVC, FCKW und FKW aus. Eine endgültige Entscheidung liegt jedoch noch nicht vor.

Aktionen und Gespräche

Neben spektakulären Aktionen (z.B. Kleben von roten Umweltteufeln auf umweltschädliche Baustoffe) sucht die Greenpeace-Gruppe Stuttgart auch den Kontakt zu Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft. In zahlreichen Gesprächen kommt es seit 1997 zum regen Gedanken- und Informationsaustausch mit Vorteilen für beide Seiten: Die Greenpeace-Mitarbeiter erfahren dabei von den Problemen in der Praxis und die Vertreter der Ämter, Parteien und Firmen bekommen von Greenpeace wertvolle Hinweise zur Umweltverträglichkeit einzelner Baustoffe.

Zahlen und Statistiken

Die Stuttgarter Greenpeacer können durch Aktionen verhindern, dass 145 m³ klima- und ozonschädliche Dämmstoffe verbaut werden. Das Maß der Klimaschädigung durch H-FCKW aus den Dämmstoffen kann mit der Klimaschädigung von CO2 rechnerisch verglichen werden. Entsprechend errechnen die Greenpeacer, wie viele Kilometer ein durchschnittliches Auto (8,9 Liter Benzin pro 100 km) fahren muss, um das Klima im gleichen Maße zu schädigen. Die Greenpeace-Gruppe Stuttgart hat demnach dem weltweiten Klima folgendes Schadenspotenzial erspart: In 145 m³ stecken 508 kg H-FCKW; diese sind mit der Klimaschädigung durch 9,5 Mio. gefahrene Autokilometer vergleichbar. Das entspricht dem 238-fachen Erdumfang oder 14.500 mal der Entfernung Stuttgart - Hamburg!

Polyvinylchlorid (PVC)

Um PVC für die verschiedenen Einsatzbereiche brauchbar zu machen, müssen dem Rohmaterial eine Reihe von Stoffe zugesetzt werden. Dazu gehören giftige Schwermetalle und insbesondere Weichmacher, die im Verdacht stehen, hormonähnliche Wirkungen zu haben. Ein Teil dieser Additive treten mit der Zeit aus dem PVC-Produkt aus und sind teilweise bereits weltweit in der Umwelt nachweisbar.

Beim Brand von PVC-Baustoffen entstehen Salzsäure und krebserregende Dioxine. Salzsäure wirkt extrem korrosiv und kann im Brandfall zu erheblichen Folgeschäden an Gebäuden führen. Die starke Rauchentwicklung beim Brand vom PVC erschwert Menschen die Flucht aus brennenden Gebäuden.
Die Deponierung von PVC-Abfällen wird nach der "Technischen Anleitung Siedlungsabfall" ab 2005 nicht mehr möglich sein. Eine umweltverträgliche Entsorgung ist aufgrund des Chlorgehaltes von PVC extrem aufwendig und teuer. Die erforderliche Umlage dieser Kosten auf den PVC-Preis ist nicht absehbar. Das Recycling von PVC funktioniert nicht richtig, die Recycling-Quote für Alt-PVC liegt zur Zeit bei ca. 1 %.

Durch den Verzicht auf PVC und den Einsatz der vorhandenen Alternativen können diese Gefahren und Probleme vermieden oder verringert werden.

FCKW und FKW

Ozonschicht in Gefahr: Über dem Südpol reißt jedes Jahr ein riesiges Ozonloch auf. Aber auch über der Nordhalbkugel ist die Ozonschicht gefährdet. Im März 2000 waren über 40 % des Ozons zerstört. Dies ist der niedrigste Wert seit Aufnahme der Messungen 1978.

Die Ozonschicht schützt die Erde vor der gefährlichen ultravioletten Sonnenstrahlung. Mit Abnahme dieser Schutzhülle nehmen Sonnenbrand und Hautkrebs zu.

Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW), seit Jahren als ozonschädigend bekannt, können in einigen Bereichen noch immer legal gehandelt werden. Bis zum Jahr 2015 dürfen in der Bundesrepublik teilhalogenierte FCKW (H-FCKW) hergestellt und eingesetzt werden. Dies erfolgt vorrangig in Kühlanlagen und Dämmstoffen. Die Bundesregierung hat es bislang versäumt, mit dem Chemikaliengesetz der FCKW-Anwendung vollständig den Riegel vorzuschieben: H-FCKW müssen verboten werden. Eine weitere Gefährdung der Ozonschicht ist nicht hinnehmbar.

Angriff auf das Klima: Voll- und teilhalogenierte FCKW und FKW (Fluor-Kohlenwasserstoffe) sind eine Gefahr für das Klima. Ein Kilogramm H-FCKW 142b heizt das Klima so stark auf wie 3.700 Kilogramm Kohlendioxid (CO2). In einem Kubikmeter Dämmstoff stecken in der Regel mehrere Kilogramm H-FCKW oder H-FKW als Treibgas. Der Einsatz dieser Chemikalien führt dazu, dass solche Dämmstoffe dem Klima mehr schaden als nutzen. Der Einsatz von Dämmstoffen spart zwar Heizenergie ein und verringert dadurch die CO2-Emissionen. Die klimaschädigende Wirkung der H-FCKW und H-FKW ist jedoch so stark, dass dieser Effekt wieder aufgehoben wird.



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