Stuttgarter Zeitung vom 12. Dezember 2001

Nachhilfe

Erhellende Debatte über PVC

Nach all dem, was die Stuttgarter Greenpeace-Gruppe bisher getan hat, um Verwaltung und Gemeinderat von der Gefährlichkeit des "Umweltkillers'' PVC zu überzeugen, dürfte gestern so mancher Stadtrat einen PR-Gag erwartet haben. Von wegen: Es detonierte kein Chinakracher im E-Mail-Briefkasten der CDU, weit und breit kein Ökopax im weißen Overall, der das Rathausdach geentert oder sich wenigstens an ein PVC-Rohr gekettet hätte. Und im Sitzungssaal, wo sich einige Experten über die Gefährlichkeit des Kunststoffs äußerten, suchte man vergeblich ein Transparent (siehe Bericht auf dieser Seite).

Natürlich sind die Aktivisten für ihre Absicht, Stuttgart und die Welt zu retten, gelobt worden. Nicht von der CDU, die sauer war, weil sie hunderte gleichlautender Beschwerdebriefe bekommen hatte, aber von SPD, FDP, Freien Wählern und Grünen. Die scheinen ihren Informationsbedarf zum Thema PVC bisher vor allem aus Greenpeace-Broschüren bezogen zu haben. Doch gerade bei diesen Fraktionen dürfte gestern die Erkenntnis gereift sein, dass ihr Informant nicht anders agiert als die Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt, ein Werbeverein, der von Chemieunternehmen gespeist wird, die um ihre Umsätze fürchten. Beide Parteien haben als Lobbyisten versucht, den Gemeinderat auf ihre Seite zu ziehen. Zum Glück ist bei den Stadträten, allesamt Laien im Umgang mit chemischen Substanzen, aus denen Kabel, Rohre und Babyschnuller gefertigt werden, die Erkenntnis gereift, dass es sinnvoll sein könnte, unabhängige Experten zu befragen. Es sieht so aus, als seien dadurch teure Fehlentscheidungen verhindert worden.

Die Fachleute haben deutlich gemacht, dass nicht alle Kunststoffe gleich giftig sind. Harten PVC zu verbieten, wie das die Gemeinderatsmehrheit noch im Juli plante, hätte das Aus für alle Kunststofffenster und Abwasserrohre bedeutet - nach Ansicht der Fachleute nicht nur ökonomischer Unsinn, sondern auch ökologisch nutzlos. Die Botschaft ist angekommen. Der Gemeinderat wird seine Vorstellungen modifizieren und nur das verbieten, was riskant ist. So gesehen war die Nachhilfe erfolgreich - wenn auch nicht so spektakulär wie eine Greenpeace-Aktion.

Von Jörg Nauke


Webmaster, Greenpeace-Gruppe Stuttgart - letzte Änderung: 12.12.2001