Esslinger Zeitung vom 14. August 1999

Greenpeace spürt schädliche Materialien auf

WOLFSCHLUGEN: Dämmplatten der Turn- und Festhalle tragen zum Treibhauseffekt bei - "Umweltteufel" für Gemeinde

(iko) - "Jetzt fehlt nur noch das Fernsehen", stöhnte Wolfschlugens Bürgermeister Ottmar Ehmhardt, als ein stattliches Aufgebot an Presse- und Radioleuten, Fotografen und Greenpeace-Aktivisten im Rathaus auftauchte. Eine peinliche "Panne" war der Gemeinde bei der Sanierung der Turn- und Festhalle unterlaufen: Zur Wärmedämmung hatte man umweltschädigende Materialien verwendet - freilich ohne es zu wissen, wie der Schultes beteuerte.

Dämmplatten, die mit teilhalogenierten Fluorkohlenwasserstoffen (H-FCKW) geschäumt sind, hatten Mitglieder von Greenpeace Stuttgart bei ihren Recherchen entdeckt. Die Treibgase, die bei der Herstellung und Anwendung dieser Materialien frei werden, zerstören die Ozonschicht und tragen überdies zum "Treibhauseffekt" bei. Als "Skandal" bezeichnete Greenpeace-Sprecher Matthias von Herrmann den "mit Steuergeldern finanzierten Einbau von Klima- und Ozonkillern".

Ein überraschter Bürgermeister beorderte umgehend den verantwortlichen Architekten zum "Tatort": Er selbst wisse über die Details der Sanierung nicht Bescheid. Die Gemeinde, so versicherte Ehmhardt, lege größten Wert auf Umweltschutz: "Wir verwenden kein Tropenholz, haben eine Agenda 21 und nutzen jetzt sogar Erdwärme". Bereits vor Jahren trat die Gemeinde dem internationalen Klimabündnis bei - und hatte sich damit verpflichtet, keine FCKW-Treibgase zu verwenden. Mit dem Hinweis auf das Klima-Bündnis forderten die Greenpeace-Aktivisten denn auch einen sofortigen Austausch der verpönten Dämmstoffe gegen Materialien, die mit Naturgasen geschäumt wurden. Bei verschiedenen Baustellen in Stuttgart habe man auf Initiative von Greenpeace hin bereits solche Dämplatten an die Hersteller zurückgegeben: "Die Firmen müssen merken, dass diese Materialien nicht mehr erwünscht sind." Marktführer wie DOW und BASF hätten sich verpflichtet, bis zum Jahr 2000 FCKW-haltige Produkte aus dem Angebot zu nehmen. "Es handelt sich um ein Versäumnis meinerseits", legte Architekt Hans Hermann ein "Geständnis" ab. Er habe nur auf Wärmewert und Dicke des Materials geachtet und nicht auf FCKW. Es sei aber nur eine "kleine Fläche", nämlich die Dachränder, mit den Platten versehen worden. Dass selbst diese Menge ein gewaltiges Treibhauspotential besitze, rechnete Matthias von Herrmann vor: Der CO2-Ausstoß entspreche "dem eines durchschnittlichen Autos bei 16-facher Erdumrundung oder 650.000 Kilometern". Mit einem symbolischen "Umweltteufel" kennzeichnete Greenpeace die anstößigen Dämmplatten. Bei Ehmhardt rannten die Aktivisten offene Türen ein: "Die Platten kommen raus", will er auch die verbauten Platten entfernen lassen. Um in Zukunft solchen "Überraschungen" vorzubeugen, hatte Greenpeace einen Tipp parat: "Sie können ins Leistungsverzeichnis aufnehmen, dass klima- und ozonschädliche Materialien nicht in Frage kommen."

eingebaute "Glascofoam"-Platten
© Koch, Esslinger Zeitung
 

Ein "Umweltteufel" für die sanierte Turn- und Festhalle in Wolfschlugen: Dämmplatten enthalten laut Greenpeace-Sprecher Matthias von Herrmann umweltschädigendes Material. Die Gemeinde will sie sofort entfernen lassen.



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