Stuttgarter Zeitung vom 22. November 1996

Atom-Alarm in Stuttgart

"Strahlenalarm" im Amt für Abfallwirtschaft - Atomfaß-Attrappe wird Regentonne in Bürgermeisters Garten

Es waren einmal vier gelbe Fässer mit dem Emblem "Radioaktiv" auf dem runden Leib. Die standen Mitte Juni 1994 nach einem Protest von 70 Greenpeace-Aktivisten gegen die Atommüllentsorgung einsam und allein vor dem Rathaus. VieIe Menschen liefen achselzuckend an den Atomfaß-Attrappen vorbei, nur einer kümmerte sich um das zurückgebliebene Leergut: Umwelt- und Ordnungsbürgermeister Jürgen Beck. Als zupackender Politiker ließ er die Fässer abräumen. Und als umsichtiger Umweltschoner sorgte er für praktisch-privates Recycling: Ein Fäßle diente fortan im Beckschen Garten als Regentonne.

Danach verlor sich die Spur der gelben Fässer im Verwaltungsdschungel - bis gestern morgen. "Strahlenalarm!", hieß es gegen 8.30 Uhr auf dem Gelände des Amts für Abfallwirtschaft an der Heinrich-Baumann-Straße. In einem Schrottcontainer hatte ein Mitarbeiter ein gelbes 200-Liter-Faß mit dem Zeichen "Radioaktiv" entdeckt. Die sofort alarmierte Polizei sperrte das "verstrahlte" Gebiet weiträumig ab. Die Feuerwehr rückte mit Löschwagen an, ein Strahlenmeßtrupp packte hastig die Geigerzähler aus. Weitere Einsatzkräfte machten sich für den drohenden Großeinsatz bereit...

Gleichzeitig glühten die Telefondrähte zwischen Abfallamt und Rathaus. Und so erreichte der Strahlenalarm denn schließlich einen Mitarbeiter des Umweltbürgermeisters. Und der Gehilfe teilte recht schnell mit, daß er das nicht mehr als Regenwasserreservoir gelittene Faß aus dem bürgermeisterlichen Garten entfernt und in den Container entsorgt habe. Zwischenzeitlich hatte die Berufsfeuerwehr in der Heinrich-Baumann-Straße ihre Geigerzähler bereits wieder eingepackt, da diese kein einziges Becquerel angezeigt hatten. Noch ein Blick ins geöffnete und leere Faß, dann konnte der Strahlenalarm abgeblasen werden.

Auch die bange Frage, wer denn nun für die Kosten des Großeinsatzes aufkommen muß, ist geklärt - der Steuerzahler. Denn bei der Feuerwehr steht die "Beck-erel-Aktion" als blinder Alarm im Einsatzleitrechner. Und auch die Polizei will, so war auf Anfrage zu erfahren, Beck keine Rechnung schicken. Der Bürgermeister zeigt Bedauern ob der Großaktion. Beteiligte Helfer sollen die Ansicht geäußert haben, daß Beck jetzt eigentlich ein paar Fässer springen lassen könne.

Inzwischen scheinen ambitionierte Faßfahnder aus der Verwaltung zwei weiteren Behältnissen auf der Spur zu sein. Kaum faßbar: eines der noch verschwundenen Fäßle könne durchaus im Garten eines sehr prominenten Sillenbucher Bürgers stehen, vermuteten sie gestern. Und das dritte Faß soll ein handwerklich begabter Verwaltungsmitarbeiter zu einem leuchtend gelben Gartengrill umgearbeitet haben, um roten Würsten darauf die rechte Bräune zu verleihen. Bei Faß Nummer vier fassen die Fahnder derzeit noch nach... Wolfgang Schulz-Braunschmidt

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© Rudel/Archiv, Stuttgarter Zeitung
 

Vor zwei Jahren: Greenpeace lieferte "radioaktive" Faßware



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