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Stuttgarter Nachrichten vom 27. Mai 1991 Große "Greenpeace"-Aktion am Samstag im Stuttgarter Zentrum: Bundesweite Kampagne "Autos raus aus der Stadt" gestartetZwei Stunden lang war die Fußgängerzone "erweitert"Gartenmöbel und Blumenbeet auf der Königstraße - Der Verkehr wurde kaum behindert, aber trotzdem gab es heftige DebattenMit einer zweistündigen Sperrung der Verkehrsachse zwischen Rotebühl- und Wilhelmsplatz hat am Samstag die Umweltschutz-Organisation "Greenpeace" ihre Kampagne "Autos raus aus der Stadt" gestartet. Die Blockierer sprachen von einer "spontanen (also nicht angemeldeten) Erweiterung der Fußgängerzone" und verteilten Flugblätter, auf denen sie eine großräumige Erweiterung der Stuttgarter Innenstadt für den privaten Autoverkehr forderten. Die Reaktionen von Autofahrern und Fußgängern reichten von wüsten Beschimpfungen und Drohungen bis zu spontaner Zustimmung. Zu größeren Behinderungen kam es jedoch nicht, weil die Polizei den Verkehr an der Demonstration vorbeileitete. Samstag, Punkt elf Uhr, vor dem Wilhelmsbau: Als die Fußgängerampel "Grün" zeigt, ziehen die Aktivisten von "Greenpeace" zwei Transparente quer über die Straße. Dasselbe geschieht 200 Meter oberhalb an der Einmündung zur Kronprinzstraße. Den gesperrten Straßenabschnitt erklären die Blockierer kurzerhand zur Fußgängerzone, bauen aus Gartenmöbeln eine Sitzecke auf und legen symbolisch ein Blumenbeet an - mitten auf der Straße. Bis die Autofahrer verstehen, was gespielt wird, ist die Straße dicht. Als die Ampel auf "Grün" schaltet, preschen die ersten vor und fahren auf Schienbeinkontakt an die Blockierer heran. Weil die sich nicht beeindrucken lassen, verlegen sich einige aufs Hupen, was noch weniger hilft, und dann aufs Schimpfen. Ein stämmiger Lasterfahrer läßt die Kupplung immer wieder fatzen, hüpft mit seinem Abschleppwagen immer näher an die Blockierer heran und schreit: "Ihr seid fällig, ihr seid fällig " Ein Opelfahrer mit Vollbart brüllt, bis ihm die Halsschlagader schwillt: "Ich will sofort Ihre Genehmigung sehen!". Einer der Fußgänger, der es sichtlich bedauert, in diesem Moment nicht motorisiert zu sein, schleicht wie ein Tiger vor dem Transparent auf und ab und protzt, daß er "mit 80 Sachen durchbrettern" würde. Ein Golf-Fahrer nimmt sich ein Herz, tritt aufs Gas und bricht durch. Das Transparent zerfetzt, die beiden jungen Leute, die es halten, sind kreidebleich: Manche Autofahrer hält nichts auf. Nach wenigen Minuten entspannt sich die Lage. Weil der Verkehr über Tübinger und Kronprinzstraße abfließen kann, kommt es zu keinen nennenswerten Behinderungen. Die Polizei leitet die Autos schon am Wilhelms- und am Rotebühlplatz ab und gibt bekannt, daß sie nicht einschreiten werde, so lange es nicht zu Nötigungen komme. Busse und Taxen werden durchgelassen. Die Blockierer verteilen Flugblätter an die Passanten, auf denen steht, daß die Stadt "den Menschen und nicht den Autos gehören soll". Nach Ansicht der Umweltschutzorganisation sollten "in der Stadt Kinder wieder gefahrlos spielen und auch ältere Menschen gefahrlos eine Straße überqueren können". Deshalb müsse in Stuttgart mindestens der innere City-Ring völlig vom privaten Autoverkehr freigehalten werden, fordert "Greenpeace". Die Umweltschutzorganisation, die vor allem durch spektakuläre Blockaden von Giftschiffen, Atommülltransporten und Walfangbooten bekannt geworden ist, hatte am Samstag auch in fünf weiteren deutschen Großstädten den Verkehr blockiert. In den kommenden Monaten wollen die Mitglieder der Stuttgarter Ortsgruppe "mit Stadträten, Behörden und mit Vertretern des öffentlichen Nahverkehrs reden', kündigte am Samstag Markus Höninger, Sprecher der Stuttgarter Gruppe, an. Weitere Aktionen sind aber offenbar nicht geplant. Ob die Umweltschutzorganisation damit auf viel Verständnis stoßen würde, ist ohnehin fraglich. Die Fußgänger, die von der Blockade profitieren sollten, zeigten sich am Samstag jedenfalls eher verdutzt und skeptisch im Umgang mit der ungewohnten Bewegungsfreiheit. Einige blieben trotz Sperrung an der roten Fußgängerampel stehen, fast alle trauten sich nur an den Ampelfurten über die Straße. Ein paar beschimpften die Blockierer, einige diskutierten mit ihnen. Einer hatte große Angst um die Autoindustrie: "Wenn Ihr so weitermacht, gehen tausende Arbeitsplätze verloren!" Die Sorge um die Umwelt trieb ihn nicht um: "Ich bin jetzt 55. Die paar Jahre, die ich noch lebe, hebt das schon noch ..."
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