Stuttgarter Zeitung vom 25. April 2003

Greenpeace: HP an Vernichtung von Urwäldern beteiligt

Verpackung von Druckern ist angeblich zum Teil aus finnischen Bäumen hergestellt - Firma nimmt erst später Stellung

BÖBLINGEN. Zwölf Greenpeace-Aktivisten haben gestern vor der Hauptverwaltung von Hewlett-Packard in Böblingen demonstriert. Nach Erkenntnissen der Umweltschutzorganisation trägt die Firma indirekt zur Abholzung der letzten Urwälder Europas bei.

Von Martin Reinkowski

Ziemlich genau um halb elf Uhr hält vor dem Eingang der HP-Hauptverwaltung auf der Böblinger Hulb ein weißer Transporter. Die Hecktüren öffnen sich, und ein Dutzend junger Leute beginnt sich vor dem Wagen einzukleiden. Zehn von ihnen ziehen sich gelbe Jacken über mit der schwarzen Aufschrift "Greenpeace" und helfen zwei anderen, sich ein etwa drei Meter hohes Baumkostüm aus Schaumstoff überzustülpen. Aus dem Stamm guckt ein großes Augenpaar, oben an den Ästen flattert künstliches Laub. Die Aktivisten postieren sich jetzt auf dem kleinen Vorplatz am Haupteingang und spannen eine Tuchbahn auf mit der Aufschrift "Hewlett-Packard: sag Nein zur Urwaldzerstörung".

Zunächst sagt die Firma natürlich nichts. Vor der Tür versammeln sich nach und nach einige Mitarbeiter, um eine Zigarette zu rauchen und zu plaudern - jetzt ist gerade Pause. Sie lassen sich von den Aktivisten der Stuttgarter Greenpeace-Gruppe Flugblätter überreichen, einer kommt auch nach vorne an die Straße und schaut sich das Transparent an. Langsam entwickeln sich erste Gespräche. "Also, ich finde Greenpeace gut", sagt eine Mitarbeiterin. "Ich unterstütze das." "Wieso habt ihr euch genau HP rausgesucht?", fragt ein anderer.

Oliver Salge von der Greenpeace-Zentrale in Hamburg, der die Aktion leitet, erklärt zusammen mit den örtlichen Aktivisten gern, warum die Umweltschützer an diesem Donnerstagmorgen vor dem Haus Herrenberger Straße 140 aufgezogen sind. "Bevor der Käufer ein erstes Testblatt aus seinem neuen HP-Drucker lässt, hat er sich schon an der Vernichtung der verbliebenen finnischen Urwälder beteiligt", sagt Matthias von Herrmann, Pressesprecher der Greenpeace-Gruppe Stuttgart. "Denn die oberste Schicht des Verpackungskartons ist aus Papier gefertigt, das von der Firma M-Real stammt." Und M-Real beziehe Hölzer vom staatseigenen finnischen Forstbetrieb, der sich an den letzten Urwäldern Europas vergreife.

Woher weiß Greenpeace das so genau? "Wir haben das recherchiert", sagt Oliver Salge, der die ganze Kampagne betreut. Deshalb wüssten die Umweltschützer auch, dass die finnischen Urwälder, von denen nur ein Bruchteil übrig geblieben sei, die Grundlage für die traditionelle Lebensweise der Sami und ihre Rentierzucht bildeten, dass mehr als 500 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vom Aussterben bedroht seien - "und das alles, um Verpackungen oder Werbebroschüren herzustellen", sagt Oliver Salge.

Mittlerweile hat sich ein offizieller Vertreter von Hewlett-Packard vor der Türe eingefunden. Pressesprecher Norbert Gelse lässt sich von Salge erst einmal ins Bild setzen. Der Campaigner, wie er in der Organisation genannt wird, hält dem Sprecher vor, dass das Unternehmen auf ein Schreiben aus Hamburg bisher nicht reagiert habe. Das sei ja auch kein Wunder, kontert Norbert Gelse. Das Schreiben, dessen Kopie ihm Salge zeigt, trägt das Datum vom 17. April - das war der Gründonnerstag. "Bei uns ist der Brief überhaupt noch nicht angekommen", versichert der Unternehmenssprecher. Er sagt aber gleich zu, dass die Geschäftsführung sich bei einer Sitzung in der zweiten Maiwoche mit der Frage befassen werde.

Ob Greenpeace also exakt recherchiert hat, wie viele der beanstandeten Kartons Hewlett-Packard verwendet und ob die Firma sich einen neuen Zulieferer sucht, diese Fragen beantwortet Gelse jetzt noch nicht. Er betont aber, dass HP sehr wohl seine Lieferanten prüfe. "Ein Kriterium bei der Auswahl ist die Nachhaltigkeit und die Umweltverträglichkeit der Produkte." Deshalb werde das Unternehmen dem Vorwurf von Greenpeace intensiv nachgehen.

Am Nachmittag sitzt Campaigner Oliver Salge wieder im Zug nach Hamburg. Für ihn ist die Aktion ein Erfolg gewesen. "Wenn die Sache erst einmal an die Öffentlichkeit geht, dann passiert auch was", sagt er. Er habe vor dem Firmengebäude sogar einen Mitarbeiter getroffen, der ihm versprochen habe, die Angelegenheit im firmeninternen Umweltarbeitskreis zur Sprache zu bringen.

Mit der HP-Sicherheitstruppe haben die Umweltaktivisten übrigens keinen Ärger bekommen. Sie wurden lediglich gebeten, sich vom Haupteingang zu entfernen. Das haben sie getan, und sich genau unter ein großes HP-Logo gestellt - ideal für die zahlreichen Fotografen und Fernsehleute.

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© Weise/factum, Stuttgarter Zeitung
 

Beim Basteln der Baumkostüme hat sich Greenpeace offenbar vom Film "Der Herr der Ringe" inspitieren lassen.



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