Stuttgarter Zeitung vom 12. Juni 1995

Greenpeace-Mitarbeiter im Degerlocher Forst

Ein Spaziergang zu den Schadstellen

Der Wald kann auch wichtige Funktionen nur noch bedingt erfüllen - Ausstellung im Rathaus

Um den Wald steht es seit Jahren nicht zum besten, doch kaum jemand redet noch davon. Mit der Ausstellung "Kein schöner Wald", die, wie berichtet, derzeit im Rathaus zu sehen ist, will die Umweltschutzorganisation Greenpeace wieder einmal daran erinnern. Ergänzend dazu marschierten am Samstag Greenpeace-Mitarbeiter und als Waldexperte Förster Roger Beuter zu einigen kritischen Punkten im Degerlocher Forst. Etwa 30 Interessierte waren bei überraschend angenehmer Witterung der Einladung gefolgt.

"So eindringlich wie möglich" wollte Beuter zeigen, was alles an Schäden auch in seinem 700 Hektar großen Degerlocher Revier zu sehen ist. Sein Interesse - und schließlich auch das seiner Begleiter - galt den Klimaveränderungen, der Bodenversauerung, der Bedrohung durch Schädlinge und dem Waldsterben. Zwar nehme Stuttgart als eine Stadt dieser Größenordnung mit 24 Prozent Waldanteil auf seiner Gemarkung eine Sonderstellung in Deutschland ein, nicht jedoch, wenn es darum gehe, die Probleme zu analysieren. "Im großen und ganzen ist es hier wie anderswo auch", sagt Beuter.

Was den forstwirtschaftlichen Ertrag angeht, so hätte die Stadt Stuttgart schon immer draufzahlen müssen, sagte der Förster. Vor allem deshalb, weil die Bäume aufgrund der vielen Straßen nur unter aufwendigen Sicherheitsvorkehrungen gefällt werden können. Auch seien die Holzpreise seit den großen Stürmen Anfang der Neunziger Jahre nicht wesentlich gestiegen.

Am Beispiel eines 0,3 Hektar großen Areals in der Nähe des Sillenbucher Sportplatzes beispielsweise verwies Beuter auf die Folgen einer grundlegenden Klimaveränderung. "Auch wenn sich die Wissenschaftler nicht einigen können, ob es nun wärmer oder kälter wird, es spricht vieles dafür, daß sich das Klima in den letzten 40 Jahren verändert hat." Das habe nicht nur eine größere Dürre zur Folge, sondern auch höhere Windgeschwindigkeiten, denen die gängigen Baumbestände nicht gewachsen sind. Ideal sei ein Mischwald, mindestens 30 Prozent Laubanteil seien inzwischen auch für private Waldbesitzer vorgeschrieben. Doch nicht nur das Verhältnis zwischen Nadel- und Laubbäumen sei wichtig, auch das Gleichgewicht zwischen jung und alt müsse im Lot sein, damit sich die Pflanzen gegenseitig schützen können.


© Zweygarth, Stuttgarter Zeitung
 

"Sterben Bäume ab, wenn es wärmer wird?" wollte einer der Spaziergänger wissen. Freigestellte Buchen beispielsweise, so der Förster, könnten tatsächlich eine Art Sonnenbrand bekommen. "Die Rinde blättert ab, bestimmte Teile in der Spitze sterben."

Insgesamt gehe es bei den verschiedenen Problemen im Forst um den Streß, den sie den Bäumen verursachten. Eine einzelne Belastung könnten die Pflanzen meist verkraften, aber nicht so viele auf einmal. Leider aber setze den Pflanzen meist "nicht nur ein Faktor auf einmal" zu: "Und der Wald kann nicht so schnell reagieren." lai



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