Stuttgarter Zeitung vom 20. Januar 2005

"Wir sind nicht alle Veganer, die keinen Fernseher haben!"

Die Stuttgarter Greenpeace Jugend kämpft seit zwei Jahren für den Umweltschutz - und genauso lange gegen Vorurteile

Sie haben keine Lust auf eine Welt mit Macken und keine Lust mehr darauf, in Schubladen gesteckt zu werden. Die Greenpeace-Jugend in Stuttgart nimmt den Kampf gegen Klischees genauso in Angriff wie die Gestaltung ihrer Zukunft. Ein Besuch bei deren Treffen.

von Ariane Wölper

"Krieg und Frieden", "Greendays", "Jugendrat" wird mit Kreide an die Schiefertafel geschrieben. 17 Jugendliche zücken Stift und Papier. Unterricht ist das aber nicht. "Auf welchen Punkt habt ihr als erstes Bock?", fragt Dominika Tux in das Rund aus Klappstühlen, auf denen es sich Schüler, die unbequem sein möchten, bequem gemacht haben.
Einen Strickkreis bilden sie jedenfalls nicht. Genau genommen zumindest. Denn immerhin haben sie sich im Jugend- und Kulturzentrum Forum 3 versammelt, um an unserer Zukunft zu handarbeiten - und pieksen wollen sie auch ab und zu, ihre Mitmenschen nämlich. Und genauer das ist nicht immer so einfach für die "Greenpeacer". So nennen sich die Mitglieder von JAG - kurz und cool "tschäg" ausgesprochen -, der Jugendarbeitsgruppe Greenpeace Stuttgart.
"Greenpeace ist ja bekannt für das Spektakuläre", meint Dominika Tux, "wir von der Jugendarbeit sind nicht ganz so groß, aber wenigstens so groß, dass man uns auf der Straße sieht." Und in den Schulen. Denn neben der Organisation von Demonstrationen und dem Betreuen von Infoständen steht für die Jugendgruppe auch Unterricht in Bildungsstätten auf dem Programm. "Grundsätzlich ist unser primäres Ziel, andere Jugendliche dazu zu motivieren, über Umweltschutz nachzudenken", so Dominika. Die 19-Jährige aus Wendlingen, die zurzeit ihr Abitur vor Augen hat, hat schon immer ein bisschen weiter in die Zukunft geblickt,
"Mit einer Greenpeace-Jacke bin ich vor Jahren einmal in Wendlingen losgezogen und habe ganz alleine Unterschriften gegen Walfang gesammelt", erzählt sie heute lachend. Richtig ernst ist es ihr nach einer Mahnwache im August 2002 in Berlin anlässlich des Umweltgipfels in Johannesburg geworden: "Da habe ich zum ersten Mal die Kraft des Zusammenhalts von Jugendlichen gespürt."
Nur einen Monat später gründete sie die Stuttgarter Jugendarbeitsgruppe von Greenpeace: "Es geht um unsere Zukunft. Es geht darum, zu informieren, Klischees abzubauen. Dafür was einem wichtig ist, sollte man sich einsetzen. Nicht das wir, wenn wir groß sind, unseren Kindern eine Welt vermachen, die immer mehr Macken hat - nur wegen zu wenig Aufklärung." Zu dritt haben se sich damals aufgemacht, die Welt zu verbessern. Jetzt, knapp zweieinhalb Jahre später, sind es schon mehr als 20 Jugendliche.
Als sich Edouard Barthen der Gruppe angeschlossen hat, gab es die JAG schon ein Jahr. "Ich traf damals bei einer Studienfahrt auf eine Freundin, die schon bei Greenpeace war. Das war zu einer Zeit, als ich eh schon dachte, dass es so mit der Welt nicht weitergehen kann," erzählt der 17-Jährige. Tagtäglich erfahre man von so vielen negativen Dingen. Er erzählt von der Abholzung des Urwalds und vom Klimawandel. "Und Atomkraft, da war ich sowieso noch nie dafür", sagt der Halbfranzose. Was ihm nicht gefiel, wusste er schon lange, was er dagegen machen kann, hat er erst bei den Greenpeacern herausgefunden.
Er war zwar noch nicht dabei, als sich Dominika bei einer Greenpeace-Aktion im Oktober 2002 mit Sätzen wie "Allergie mit eins, Asthma mit acht, Herzkrank mit 15 Jahren: Das ist die Folge von Dieselruß für uns Jugendliche. Damit wir nicht mit 34 Krebs bekommen, müssen die Autohersteller endlich die längst ausgereifte Dieselruß-Filtertechnik einsetzen, allen voran der Stuttgarter Autokonzern Daimler-Crysler" an den Automanager Jürgen Schrempp wandte. Edouard hat aber den Idealismus, auch im Kleinen etwas bewegen zu können - und sei es nur durch die Tatsache, dass sich auch nur zwei Passanten ihre Broschüre am Infostand genauer anschauen.
Von Umweltschutzverdrossenheit will Edouard nichts hören: "In der Politik ist doch in den letzten Jahren viel passiert. Allein, dass die Grünen in die Regierung gekommen sind." Seine Mitstreiterin Dominika ist gerade darüber aber nicht immer glücklich. Mache Joschka Fischer einen Fehler, werde das Greenpeace angelastet, wundert sie sich. Überhaupt scheint vieles auf die Umweltaktivisten zurückzufallen. Die Jugendlichen reden hier von Vorurteilen.
Es gebe bei Greenpeace kein Chaos. Alles werde genau geplant, und es gebe auch keine leichtsinnigen Aktionen. Die Greenpeacer, die im November 2002 den Mercedes-Stern auf dem Turm des Hauptbahnhofs mit einer Schweinsmaske verhüllt haben, seien alle über 18 Jahre alt gewesen und speziell dafür ausgebildet worden. Auch mit dem Öko-Image haben viele Jugendliche bei Greenpeace so ihre Probleme. "Man muss auch nicht der Klischee-Öko sein, um etwas zu bewegen", sagt Edouard.
"Wir sind nicht alle Veganer, die keinen Fernseher zu Hause haben", ergänzt Juliane Reichert, die sich fast von Anfang an in der Gruppe engagiert. Juliane ist froh, dass man erst kürzlich bei einem Benefizkonzert im Zapata fast 500 Besuchern klar machen konnte, dass die Leute von Greenpeace nicht in einer völlig anderen Welt leben. Edouard allerdings möchte das Grundziel der Jugendgruppe trotzdem erweitern: Andere Jugendliche zum Nachdenken anregen, sei schon gut - "ideal wäre es allerdings schon, wenn sie auch aktiv werden würden."

 

© Privat / Rudel

Bild links oben:
Dominika Tux (19) will zum Denken anregen.

Bild links unten:
Eduard Barthen (17) sieht die ersten Erfolge.

großes Bild:
Die Stuttgarter Greenpeace-Jugend hat vor eineinhalb Jahren eine Demo für mehr Solarstrom organisiert.


Links
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