| Die graue See hat sich nach dem Sturm
wieder beruhigt, aber das kleine Schlauchboot schaukelt dennoch
kräftig in den Wogen. Die vier Greenpeace-Aktivisten an Bord
müssen sich gut festhalten, zumal sie jetzt erneut auf einen
der beiden Fischtrawler Kurs nehmen - Konfrontationskurs! Denn hier
im Gebiet der Doggerbank mitten in der Nordsee zwischen England
und Dänemark kämpfen zwei sich scheinbar widersprechende
Interessen miteinander. Die Fischer, die mit sogenannten Baumkurren
den Meeresboden umpflügen, um auch noch den letzten Fisch ins
Netz zu kriegen und wirtschaftlich überleben zu können.
Und die Umweltschützer, die die Trawler immer wieder vom Kurs
abdrängen, um eine weitere Zerstörung des empfindlichen
Ökosystems der Doggerbank zu verhindern. Nach stundenlangem,
hartnäckigem Manövrieren holen die Fischer schließlich
entnervt ihr schweres Fanggerät aus Eisenketten, Kufen und
Netz ein und drehen ab.
Nach Angaben der Welternährungsorganisation
FAO sind drei Viertel aller kommerziell genutzten Fischarten überfischt
oder am Rande der Überfischung. Weltweit hat sich die Kapazität
der Fischereiflotten seit 1970 verdoppelt. Auch die EU-Kommission
räumt ein, dass von 120 europäischen Fischarten zwei Drittel
überfischt sind oder vor dem Kollaps stehen. Allein in der
Nordsee schwimmen heute fünfmal weniger geschlechtsreife Tiere
als vor 30 Jahren. Laut EU-Berechnungen müsste die Hälfte
der 100.000 Fischereischiffe in der Europäischen Union stillgelegt
werden, damit sich die Fischbestände erholen könnten.
Das Problem der Überfischung wird durch brutale Fangmethoden
noch verschärft. So werden bei der Baumkurren-Fischerei in
der Nordsee für jedes Kilo gefangene Seezunge bis zu zehn Kilo
unerwünschter Beifang wieder über Bord geworfen.
Da die europäischen Fischgründe überlastet
sind, weicht die EU-Flotte inzwischen auf Seegebiete vor Westafrika
und Südamerika aus. Die Europäische Union hat zurzeit
Fischerei-Abkommen mit 17 Entwicklungsländern geschlossen,
um sich den Zugang zu deren Seegebieten zu sichern. Dort fehlt aber
mit jedem weggefangenen Fisch eine wichtige Proteinquelle für
die eigene, arme Bevölkerung. Als Konsequenz haben Marokko
und Namibia ihre 200-Meilen-Wirtschaftszonen für fremde Fangflotten
gesperrt.
Tief im süddeutschen Binnenland rund tausend
Kilometer südlich der Doggerbank kämpfen fast zur gleichen
Zeit vier andere Greenpeacer auf ihre Weise für eine nachhaltige
Fischerei: Zum Abschluss eines erlesenen 4-Gänge-Menüs
hat ihnen der Sommelier des noblen Stuttgarter Sterne-Restaurants
"Wielandshöhe" noch einmal vom vorzüglichen
Wein nachgeschenkt. Chefkoch Vincent Klink beobachtet amüsiert,
wie die Umweltschützer die ungewohnte Umgebung betrachten.
"Freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat," nimmt er das
Gespräch wieder auf. "Wie kann ich Ihnen helfen?"
- "Wir suchen prominente Unterstützer für unser lokales
Projekt 'Rezepte gegen Überfischung'!"
Die meisten Verbraucher wissen nicht, dass kaum eine
Fischart in vertretbaren Mengen gefangen wird. Dabei tragen die
Käufer mit ihrem Konsumverhalten entscheidend zur Plünderung
der Weltmeere bei! Fisch gilt als besonders gesund, sodass er immer
mehr gegessen wird. Die Öffentlichkeitsarbeit von Umweltgruppen
wie Greenpeace ist daher vorwiegend Grundlagenarbeit, um überhaupt
auf das Problem der Überfischung aufmerksam zu machen. Auf
der Suche nach prominenten Verbündeten hatten die Ehrenamtlichen
der Greenpeace-Gruppe Stuttgart auch den Sternekoch Vincent Klink
angeschrieben und dessen Einladung zu einem Essen und einem Gespräch
in seinem Restaurant gern angenommen. Er unterstützt das Stuttgarter
Projekt 'Rezepte gegen Überfischung' nicht nur mit seinem guten
Namen, sondern auch mit einem umweltfreundlichen Fisch-Rezept, das
die Gruppe auf ihrer Homepage und in Flugblättern verbreitet.
In die bequemen Polster eines Sterne-Restaurants
führt Umweltarbeit nur selten. Der Großteil besteht aus
viel Lauferei bei Recherchen und langem Stehen an Infoständen.
So recherchieren die Stuttgarter Greenpeacer einmal jährlich,
wie in der Stadt das Angebot an Biofisch ist, der in ökologischer
Aquakultur gezüchtet wird. Dafür klappern sie Dutzende
Lebensmittelgeschäfte vom kleinen Bioladen bis zum großen
Supermarkt ab. Die Ergebnisse dieser mühsamen Recherchearbeit
werden nicht nur auf der Gruppen-Homepage und in Presseerklärungen
veröffentlicht, sondern auch bei Wind und Wetter in der Fußgängerzone
unter die Leute gebracht.
Die Hauptbotschaft dieser Öffentlichkeitsarbeit
ist, dass Verbraucher nicht völlig auf Fischgerichte verzichten
müssen, um einen Beitrag gegen die weltweite Überfischung
zu leisten. Es kommt darauf an, den richtigen Fisch zu kaufen! Zum
einen gibt es ökologisch unbedenkliche Fischsorten wie Hering,
Makrele oder Seelachs, die ohne schlechtes Gewissen verzehrt werden
können, weil die Bestände gesund und die Fangmethoden
schonend sind. Und zum anderen gibt es im Handel ein immer größeres
Angebot an Biofisch. Und diese Botschaft kommt an: Die Medien haben
wiederholt über die Stuttgarter 'Rezepte gegen Überfischung'
und die mehrfach aktualisierte Biofisch-Liste berichtet. Und beide
Projekte gehören zu den am meisten aufgerufenen Seiten der
Homepage der Greenpeace-Gruppe Stuttgart.
Nur wenn es gelingt, die Fischerei in Europa und
weltweit auf die Prinzipien der Nachhaltigkeit umzustellen, kann
eine der wichtigsten Nahrungsquellen der Menschheit vor dem Zusammenbruch
bewahrt werden. Und nur dann können auch die Fischer von der
Doggerbank langfristig wirtschaftlich überleben.
Informationen: www.greenpeace-stuttgart.de
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