Eine-Welt-Journal "SüdZeit" vom April 2008
(herausgegeben vom Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg, DEAB)

 

Nachhaltig leben:

Fisch

Die Meere sind überfischt. Es gilt, die Verbraucher aufzuklären und zu einem überlegten Einkauf zu animieren. Bericht eines Greenpeace-Mitarbeiters


Greenpeace-Mitarbeiter informieren über die Überfischung der Meere.
Foto: Hermes/Greenpeace


Die graue See hat sich nach dem Sturm wieder beruhigt, aber das kleine Schlauchboot schaukelt dennoch kräftig in den Wogen. Die vier Greenpeace-Aktivisten an Bord müssen sich gut festhalten, zumal sie jetzt erneut auf einen der beiden Fischtrawler Kurs nehmen - Konfrontationskurs! Denn hier im Gebiet der Doggerbank mitten in der Nordsee zwischen England und Dänemark kämpfen zwei sich scheinbar widersprechende Interessen miteinander. Die Fischer, die mit sogenannten Baumkurren den Meeresboden umpflügen, um auch noch den letzten Fisch ins Netz zu kriegen und wirtschaftlich überleben zu können. Und die Umweltschützer, die die Trawler immer wieder vom Kurs abdrängen, um eine weitere Zerstörung des empfindlichen Ökosystems der Doggerbank zu verhindern. Nach stundenlangem, hartnäckigem Manövrieren holen die Fischer schließlich entnervt ihr schweres Fanggerät aus Eisenketten, Kufen und Netz ein und drehen ab.

Nach Angaben der Welternährungsorganisation FAO sind drei Viertel aller kommerziell genutzten Fischarten überfischt oder am Rande der Überfischung. Weltweit hat sich die Kapazität der Fischereiflotten seit 1970 verdoppelt. Auch die EU-Kommission räumt ein, dass von 120 europäischen Fischarten zwei Drittel überfischt sind oder vor dem Kollaps stehen. Allein in der Nordsee schwimmen heute fünfmal weniger geschlechtsreife Tiere als vor 30 Jahren. Laut EU-Berechnungen müsste die Hälfte der 100.000 Fischereischiffe in der Europäischen Union stillgelegt werden, damit sich die Fischbestände erholen könnten. Das Problem der Überfischung wird durch brutale Fangmethoden noch verschärft. So werden bei der Baumkurren-Fischerei in der Nordsee für jedes Kilo gefangene Seezunge bis zu zehn Kilo unerwünschter Beifang wieder über Bord geworfen.

Da die europäischen Fischgründe überlastet sind, weicht die EU-Flotte inzwischen auf Seegebiete vor Westafrika und Südamerika aus. Die Europäische Union hat zurzeit Fischerei-Abkommen mit 17 Entwicklungsländern geschlossen, um sich den Zugang zu deren Seegebieten zu sichern. Dort fehlt aber mit jedem weggefangenen Fisch eine wichtige Proteinquelle für die eigene, arme Bevölkerung. Als Konsequenz haben Marokko und Namibia ihre 200-Meilen-Wirtschaftszonen für fremde Fangflotten gesperrt.

Tief im süddeutschen Binnenland rund tausend Kilometer südlich der Doggerbank kämpfen fast zur gleichen Zeit vier andere Greenpeacer auf ihre Weise für eine nachhaltige Fischerei: Zum Abschluss eines erlesenen 4-Gänge-Menüs hat ihnen der Sommelier des noblen Stuttgarter Sterne-Restaurants "Wielandshöhe" noch einmal vom vorzüglichen Wein nachgeschenkt. Chefkoch Vincent Klink beobachtet amüsiert, wie die Umweltschützer die ungewohnte Umgebung betrachten. "Freut mich, dass es Ihnen geschmeckt hat," nimmt er das Gespräch wieder auf. "Wie kann ich Ihnen helfen?" - "Wir suchen prominente Unterstützer für unser lokales Projekt 'Rezepte gegen Überfischung'!"

Die meisten Verbraucher wissen nicht, dass kaum eine Fischart in vertretbaren Mengen gefangen wird. Dabei tragen die Käufer mit ihrem Konsumverhalten entscheidend zur Plünderung der Weltmeere bei! Fisch gilt als besonders gesund, sodass er immer mehr gegessen wird. Die Öffentlichkeitsarbeit von Umweltgruppen wie Greenpeace ist daher vorwiegend Grundlagenarbeit, um überhaupt auf das Problem der Überfischung aufmerksam zu machen. Auf der Suche nach prominenten Verbündeten hatten die Ehrenamtlichen der Greenpeace-Gruppe Stuttgart auch den Sternekoch Vincent Klink angeschrieben und dessen Einladung zu einem Essen und einem Gespräch in seinem Restaurant gern angenommen. Er unterstützt das Stuttgarter Projekt 'Rezepte gegen Überfischung' nicht nur mit seinem guten Namen, sondern auch mit einem umweltfreundlichen Fisch-Rezept, das die Gruppe auf ihrer Homepage und in Flugblättern verbreitet.

In die bequemen Polster eines Sterne-Restaurants führt Umweltarbeit nur selten. Der Großteil besteht aus viel Lauferei bei Recherchen und langem Stehen an Infoständen. So recherchieren die Stuttgarter Greenpeacer einmal jährlich, wie in der Stadt das Angebot an Biofisch ist, der in ökologischer Aquakultur gezüchtet wird. Dafür klappern sie Dutzende Lebensmittelgeschäfte vom kleinen Bioladen bis zum großen Supermarkt ab. Die Ergebnisse dieser mühsamen Recherchearbeit werden nicht nur auf der Gruppen-Homepage und in Presseerklärungen veröffentlicht, sondern auch bei Wind und Wetter in der Fußgängerzone unter die Leute gebracht.

Die Hauptbotschaft dieser Öffentlichkeitsarbeit ist, dass Verbraucher nicht völlig auf Fischgerichte verzichten müssen, um einen Beitrag gegen die weltweite Überfischung zu leisten. Es kommt darauf an, den richtigen Fisch zu kaufen! Zum einen gibt es ökologisch unbedenkliche Fischsorten wie Hering, Makrele oder Seelachs, die ohne schlechtes Gewissen verzehrt werden können, weil die Bestände gesund und die Fangmethoden schonend sind. Und zum anderen gibt es im Handel ein immer größeres Angebot an Biofisch. Und diese Botschaft kommt an: Die Medien haben wiederholt über die Stuttgarter 'Rezepte gegen Überfischung' und die mehrfach aktualisierte Biofisch-Liste berichtet. Und beide Projekte gehören zu den am meisten aufgerufenen Seiten der Homepage der Greenpeace-Gruppe Stuttgart.

Nur wenn es gelingt, die Fischerei in Europa und weltweit auf die Prinzipien der Nachhaltigkeit umzustellen, kann eine der wichtigsten Nahrungsquellen der Menschheit vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Und nur dann können auch die Fischer von der Doggerbank langfristig wirtschaftlich überleben.

Informationen: www.greenpeace-stuttgart.de

 

Nachhaltig mit Vincent Klink

Die Meere sind überfischt. Aus ökologischer Sicht sollten derzeit nur vier Fischarten verzehrt werden: Hering, Karpfen, Makrele und Seelachs (Köhler). Entgegen aller Vorurteile kann auch Karpfen köstlich schmecken. Der Stuttgarter Sternekoch Vincent Klinbk unterstützt die Greenpeace-Gruppe Stuttgart bei ihrer Aktion "Rezepte gegen Überfischung" mit folgendem Rezept: Karpfenfilet mit Kardamom und Piment


Foto: Reynars/Greenpeace


Zutaten:
2 Karpfenfilets, 2 Frühlingszwiebeln mit Grün, 2 EL Butterm 2 EL Noilly Prat oder sonstiger weißer, trockener Wermut, 250 ml kräftiger Karpfenfond, 1 MS abgeriebene Orange, 1 MS Kardamom, fein gemörsert, 1 MS Piment, fein gemörsert, 1/4 Bund glatte Petersilie, 1 EL Butter, Salz, Pfeffer

Zubereitung:
Den Karpfen vom Fischhändler filieren lassen. Kopf und Gräten werden in einen Topf gegeben und mit Wasser knapp bedeckt. Mit Suppengrün 20 Minuten leicht köcheln lassen. Immer wieder abschäumen. Passieren, zurück in den Topf und soweit einkochen, bis ungefähr ein Viertelliter übrig bleibt. Karpfenfilets waschen und mit Küchenkrepp trocknen. Pfeffern und salzen.
In Butter zwei Minuten von jeder Seite bei geringer Hitze anbraten. Herausnehmen und warm stellen und ziehen lassen. Die Pfanne ausreiben und mit etwas Butter die in kleine Ringe geschnittenen Frühlingszwiebeln andünsten. Mit einem Teelöffel Mehl bestäuben und gut verrühren. Mit dem weißen Wermut und Fischfond ablöschen. Die Gewürze dazu. Den Fond um die Hälfte reduzieren. Alles gut durchkochen und mit einigen Butterflocken abbinden.
Petersilie und Tomatenwürfel dazu, abschmecken mit Salz und Pfeffer und mit Butter binden.
Gut dazu passen Reisküchlein: Etwas Pfannkuchenteig mit gekochtem Reis vermischt und als kleine Pfannküchlein in Butter goldbraun backen.



Webmaster, Greenpeace-Gruppe Stuttgart - letzte Änderung: 05.05.2008