Degerloch Journal vom Oktober 1998

Im Sinne der Natur

Seit etwa vier Jahren kämpft die Degerlocherin Doris Berger in der Umweltorganisation Greenpeace für ein besseres Verständnis für Natur und Umwelt.

Als sich 1991, anläßlich des Golfkrieges, an die 150 000 Menschen in der bitteren Januarkälte mit Sonderzügen nach Bonn aufmachten, um gegen den Krieg zu demonstrieren, saß auch Doris Berger mit im Abteil. "Für mich war das ein Schlüsselerlebnis", berichtet die engagierte Sekretärin aus Degerloch. Wenn es möglich ist, daß sich selbst unter widrigen Umständen so viele Leute für ein gemeinsames Ziel einsetzen, dann wollte sie das auch tun.

Der Weg war gebahnt. Seit 1989 sammelt sie zusammen mit dem Ökokreis in Degerloch Joghurtbecher und liefert sie mit einer Fahrgemeinschaft in Möhringen im Wertstoff-Hof ab. Neben der Abfallwirtschaft, die dem Gelben Sack um einige Jahre vorausging, war der persönliche Gewinn dieses privaten Engagements für Doris Berger sehr wichtig. "Ich habe ein sehr gutes Gefühl, wenn ich mich engagiere. Dann kann ich meinem eigenen Kind später sagen, daß ich wenigstens versucht habe, falsche Entwicklungen zu verhindern", sagt die Frau aus Niedersachsen, wo dieses Lebensgefühl seit den Protesten gegen das Atommüll-Lager Gorleben schon Tradition hat.

Diese Meilensteine in ihrem Leben bewirkten, daß Doris Berger vor etwa sechs Jahren Mitglied in der Umweltorganisation Greenpeace wurde. Jetzt packt die Fußgängerin in der Wasser-Gruppe mit an und bringt ihre Ideen ein. Alle zwei Wochen trifft sie sich mit ihren etwa 40 Kollegen aus Stuttgart. In Degerloch fehlen noch Mitstreiter. "Dann könnten wir auch hier eine eigene Gruppe gründen", sagt sie. So mancher erinnert sich vielleicht noch an den Infostand auf dem Degerlocher Marktplatz, als Doris Berger im Namen von Greenpeace Tabakpflanzen verteilte. Das war kein Protest gegen die Zigarettenindustrie, sondern die Aufforderung an die Degerlocher, an einer Ozon-Landkarte für Stuttgart mitzuwirken. Schließlich sind die von Nichtrauchern geächteten Pflanzen ganz sensible Gewächse, die bereits bei geringen Konzentrationen des angriffslustigen und zerstörerischen Gases leiden und nicht mehr weiterwachsen. Die Bio-Indikatoren lassen somit Rückschlüsse auf die Ozon-Konzentration in der Luft zu.

Die Degerlocher ließen sich auf den Versuch ein und machten eifrig mit. 20 Prozent Rücklauf verbuchte die Umwelt-Aktivistin. Vor allem Mütter mit kleinen Kindern zeigten großes Interesse. "Die Kinder standen oft mit leuchtenden Augen am Stand", erinnert sich die Umweltkämpferin. Kein Wunder, denn gerade für sie bewegt die Organisation einiges, indem sie mit überzeugenden Methoden wunde Punkte in unserem Umweltbewußtsein aufzeigt. So wird von Greenpeace zum Beispiel ein Luftmeßbus eingesetzt, der die Schadstoffe nicht, wie oft praktiziert, in dreieinhalb Meter Höhe mißt, sondern auf der Höhe von Kindernasen.

Daher ist es auch nicht erstaunlich, daß Doris Berger offene Ohren findet, wenn sie in ihrem Viertel mal wieder auf Unterschriftensammlung für eine Greenpeace-Aktion geht. "Die Leute kennen mich schon und unterschreiben meistens", erzählt sie. Auch vor zwei Jahren sammelte sie am Stand neben dem Degerlocher Markt fleißig Unterschriften gegen die Castor-Transporte. Darüber hinaus verteilte sie gemeinsam mit vier anderen Greenpeace-Mitgliedern Informationsmaterial über die Arbeit der Organisation. Fast unbemerkt füllt sich nebenbei die Liste.

Ganz im Gegensatz zu den spektakulären Aktionen, für die der Name Greenpeace steht, und für die Aufmerksamkeit heischende Art der Aktionen, sind die einzelnen Mitglieder doch sehr zurückhaltend. Wer weiß denn schon, daß nicht nur in Degerloch, sondern auch in Vaihingen und Möhringen und anderen Stadtteilen Greenpeace-Mitglieder arbeiten? So hat zum Beispiel eine ehemalige Doktorandin an der Universität Hohenheim viel Arbeit in das Ozon-Projekt investiert. "Damit muß ich jetzt aber leider aufhören, weil ich die Zeit für meine Doktorarbeit brauche", sagt sie.

So wie ihr ergeht es vielen Teilnehmern der Umweltgruppe. "Drei Viertel der Leute sind berufstätig und haben einfach zu wenig Zeit", berichtet die Biologin. Außerdem treten einige Mitglieder der Umwelt-Lobby ungern bei öffentlichen Veranstaltungen auf. Unangenehme Konsequenzen für den Beruf werden als Gründe angegeben. Persönliches Engagement im Stadtteil ist nicht sehr gefragt. Zum einen liegt das an der Organisationsstruktur von Greenpeace. Die meisten Aktionen werden von der Zentrale in Hamburg an die Gruppen vor Ort delegiert. Zum anderen mischen sie sich nicht in bereits bestehende Initiativen ein. "Sie wollen der Bürgerinitiative in Degerloch nicht ins Handwerk pfuschen", sagt Doris Berger.

Nebenbei kann sie auch über kuriose Erlebnisse berichten. Zum Beispiel, wie der Gemeinderat reagierte, als anläßlich des zehnten Jahrestages von Tschernobyl 40 Greenpeace-Aktivisten den Sitzungssaal stürmten und Unterschriften-Päckchen gegen Kernkraftenergie verteilten. "Die CDU ist geschlossen rausmarschiert", berichtet sie. Doch auch amüsante Begebenheiten gehören zum Job. Ein kundiger Mitstreiter trug ein Gedicht vom damaligen Oberbürgermeister Rommel vor: "Lieber hoher Oexle-Grad als Becquerel im Blattspinat". Das war zuviel für den CDU-Mann. Als er an Doris Berger vorbeilief, murmelte er: "Man wird eben immer das Opfer seiner Dichtkunst." HILDEGARD KIENZLE

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Doris Berger und Greenpeace-Mitglieder als Vorkämpfer im Gemeinderat

Doris Berger (rechts) mit Ihrer Gruppe am Degerlocher Marktplatz

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